14.11.2022

In Altägypten trugen Schwangere »Arschgeweih«, um sich zu schützen

Die antike Siedlung Deir el-Medina in Oberägypten - das sich im Widerspruch zu dem Namen im südlichen Teil des Landes befindet - war von 1520 bis 1069 v. Chr. bewohnt und unterscheidet sich ziemlich von den stereotypen altägyptischen archäologischen Stätten. Denn sie wurde nicht zu Ehren eines Pharaos oder eines Gottes erbaut und erinnert auch nicht an einen großen militärischen Sieg - stattdessen war sie der Wohnort der Arbeiter und Handwerker, die das nahe gelegene Tal der Könige errichteten.

 

Dadurch bietet sich den Historikern die seltene Gelegenheit, einen Einblick in das Leben der einfachen Menschen vor Jahrtausenden zu gewinnen. Dortige Ausgrabungen haben wichtige Einblicke in das Leben und Sterben der Arbeiter in der Antike gegeben und auch gezeigt, wie sie sich wegen unangemessenen Verhaltens bei der Arbeit Ärger mit ihren Vorgesetzten einhandelten. Eine aktuell im Fachjournal The Journal of Egyptian Archaeology veröffentlichte Studie der Archäologinnen Anne Austin und Marie-Lys Arnette hat nun Einblicke in einen noch intimeren Bereich des menschlichen Lebens in Deir el-Medina gewährt: den Kreißsaal.

Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte gehörte die Geburt zu den gefährlichsten Situationen, die eine Frau in ihrem Leben durchstehen musste, und die für nahezu fünf Prozent der Schwangeren der Tod bedeutete. So griffen die Menschen zu jener Zeit, als es noch keine Keimtheorie und keine Antibiotika gab, zu jedem Mittel, das ihre Frauen und Mütter während dieser gefährlichen Zeit schützen konnte - seien es Hausmittel, Gebete oder schlichtweg magische Beschwörungen.

 

Und wie es aussieht, scheinen für die Alten Ägypter Tätowierungen ihre Glücksbringer gewesen zu sein. Denn wie die Studienautoren herausfanden, standen alle von ihnen entdeckten Tätowierungen in Figuren und mumifizierten menschlichen Überresten in Verbindung mit Symbolen und Göttern, die mit dem Schutz von Müttern, Kindern und der Geburt in Verbindung standen. Sodass diese Tätowierungen offenbar als Schutz vor, während oder nach der Geburt dienten.


Und kurioserweise ähnelten diese Tätowierungen auf den Körpern der mumifizierten Ägypterinnen denen, die in unserer heutigen Zeit etwas abschätzig als »Arschgeweih« bezeichnet werden. Sie bestanden nämlich aus breiten, symmetrischen Mustern, die Götter und Symbole zeigen, die die Trägerin während und nach der Geburt beschützen sollten. Einige wurden direkt über dem Hintern gestochen, während andere an den Innenseiten der Oberschenkel platziert wurden. Wieder andere könnten möglicherweise an ganz anderen Körperstellen der Frauen angebracht worden sein, doch da die moderne Archäologie Mumien nicht mehr auspackt, können physische Beweise dafür nur zufällig entdeckt werden, wenn Grabplünderer die Überreste bereits beschädigt und die Haut freigelegt haben.

 

Die Forscherinnen fanden auch viele Unterschiede in den tätowierten Symbolen und es gab auch kein Design, das immer an der gleichen Stelle des Körpers angebracht worden war. In den untersuchten Überresten fanden sie nur Beweise für Tätowierungen bei erwachsenen Frauen aus dem Neuen Reich, doch es gab auch einige bei Frauen aus späteren Epochen.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Anne Austin

Rekonstruktion der Tätowierungen auf einer der mumifizierten Frauen: Schwarze Linien stellen Bereiche dar, in denen die Tätowierungstinte noch zu sehen war. Die hellgraue Färbung ist eine Rekonstruktion.
Rekonstruktion der Tätowierungen auf einer der mumifizierten Frauen: Schwarze Linien stellen Bereiche dar, in denen die Tätowierungstinte noch zu sehen war. Die hellgraue Färbung ist eine Rekonstruktion.

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