30.12.2022

Das Rätsel um die rot bemalten Skelette aus dem alten Peru

Die Überreste Verstorbener, die man im Chincha-Tal im Süden Perus beigesetzt hatte, sind oft mit einem ungewöhnlichen ziegelroten Farbpigment überzogen worden. Über den Zweck dieser gefärbten Knochen sind sich unsere Experten nicht einig und wird von ihnen seit Jahren sehr kontrovers diskutiert.

 

Nun hat ein Archäologenteam derartig ungewöhnlich bemalte Leichname vor kurzem untersucht und ist nach Auswertung ihrer Ergebnisse der Ansicht, dass sie als ein deutliches Zeichen dafür anzusehen wären, wie diese mysteriöse Kultur eine enge Beziehung zu ihren Toten pflegte - selbst dann, wenn diese verwest waren und sich bereits in Skelette verwandelt hatten.

Pigmentierte menschliche Überreste und Grabbeigaben wurden in über 100 Begräbnisstätten aus der späten Zwischenzeit (1000 - 1400 n. Chr., die Epoche zwischen Tiwanaku-Zivilisation und der Inkaherrschaft), dem späten Horizont (1400 - 1532 n. Chr., die Epoche der Inkaherrschaft) sowie der Kolonialzeit (1532 - 1825 n. Chr.) gefunden.

 

Wie die Forscher in ihrer im Fachjournal Journal of Anthropological Archaeology veröffentlichten Studie schreiben, sammelten sie 38 Pigmentproben, darunter 25 Schädel, und untersuchten sie mit einer Reihe von bildgebenden Verfahren, darunter Laserablation, Röntgenfluoreszenzspektrometrie und Röntgenpulverdiffraktion. Ihre Analyse ergab, dass die Knochen mit Pigmenten aus Zinnober (HgS) und Hämatit (Fe2O3) gefärbt worden waren, natürlichen Substanzen, die zu einem dunkelroten, pulverförmigen Pigment gemahlen werden können. Diese Pulver wurden in Behältern, möglicherweise in Muscheln, aufbewahrt und mit Wasser vermischt, bevor sie mit einem organischen Material, vermutlich den Fingern oder einem Blatt, auf die Knochen aufgetragen wurden.

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Interessanterweise stammte der Zinnober nicht aus der Region, sondern muss importiert worden sein. Dies, so die Studienautoren, deutet darauf hin, dass er relativ kostbar war und wahrscheinlich nur den Eliten der Gesellschaft vorbehalten war, egal ob sie jung oder alt, männlich oder weiblich waren. Auch das Auftragen des roten Pigments scheint ein aufwendiges und zudem grausames Verfahren gewesen zu sein, denn anstatt die Toten einfach zu begraben und ihre körperlichen Überreste der Natur zu überlassen, wurden die verwesenden Körper und Skelette in einem langwierigen Prozess immer wieder von den Lebenden aufgesucht und bearbeitet.

 

So wurden die Verstorbenen wurden in einem Grabturm, einer so genannten Chullpa, beigesetzt, wo man sie verwesen ließ. Sobald sich ihr Körper bis auf das Skelett zersetzt hatte, wurden es herausgenommen und mit den Farbpigmenten bedeckt. Diese bemalten Leichname wurden dann in die Chullpas zurückgebracht. Einige bemalte Knochen, insbesondere Schädel, wurden schließlich herausgenommen und über die Gräber anderer gelegt, offenbar um die Toten vor unbekannten Kräften zu »schützen«. Es wäre aber auch vorstellbar, dass die Knochen als Mittel zur Durchsetzung politischer Forderungen oder für Zeremonien wiederverwendet wurden.

„Wir argumentieren, dass die bemalten Toten als Personen-Objekte während der Begräbniszeremonien, die in den offenen Räumen des mittleren Tals abgehalten wurden, in Anspruch genommen und beschworen wurden, vielleicht um politische Forderungen zu stellen, die soziale Ordnung zu reproduzieren oder die Erneuerung und Solidarität zwischen ausgewählten Gruppen zu fördern. Bemalte menschliche Überreste werden mit Begräbnisstätten in Verbindung gebracht, die über Plätze und Vorhöfe verfügen, was auf einen Zusammenhang zwischen den dort abgehaltenen Veranstaltungen und der postmortalen Behandlung der Toten schließen lässt. Zu diesen Veranstaltungen gehörten möglicherweise Feste und Tänze, und die mumifizierten Überreste wurden möglicherweise auf Sänften hinausgebracht", heißt es in der Studie.

 

Die Wissenschaftler hatten auch schriftliche Quellen und archäologische Daten untersucht, die darauf hindeuten, dass viele der Knochen aus älteren Perioden offenbar während der Kolonialzeit, einer gewalttätigen und destabilisierenden Zeit, als der Kontinent von Europäern erobert wurde, wieder aufgesucht worden waren. In dieser verheerenden Zeit, die von Hungersnöten, Kriegen, Epidemien und Grabplünderungen geprägt war, erlangte die Praxis, bemalte Gebeine von lange verstorbenen Verwandten wieder aufzusuchen, vielleicht neue Bedeutung.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: CC BY-SA 3.0

Künstlerische Nachstellung einer Bestattungszeremonie
Künstlerische Nachstellung einer Bestattungszeremonie

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