11.01.2023

Maya nutzten 260-Tage-Kalender Jahrhunderte früher als angenommen

Die Entdeckung, dass das Volk der Maya ihre bedeutenden Bauwerke nach dem 260-Tage-Kalender ausrichteten, ist ein Beweis dafür, dass mesoamerikanische Kulturen ihn Jahrhunderte früher als bisher bekannt verwendeten.

 

Zu verstehen, wie diese alte Kulturen jahreszeitlich und astronomisch sich wiederholende Ereignisse nutzten, um dadurch die zyklischen Tierwanderungen oder die Zeitpunkte für Aussaat und Ernte bestimmen zu können, hat sich als sehr schwierig erwiesen, da es keine schriftlichen Quellen aus dieser Zeit gibt. Nun konnten Archäologen jedoch die Verwendung dieses fortschrittlichen Kalendersystems nachweisen, indem sie die astronomischen Ausrichtungen von Hunderten von Zeremonialbauten untersuchten.

Dies erfolgte mittels der LiDAR-Technologie (Light Detection And Ranging), eine Lasertechnologie, bei der mithilfe des Laserpulses Messungen erfasst werden, mit denen 3D-Modelle und Karten von Objekten und Umgebungen erstellt werden können. In der modernen Archäologie hat es sich schon lange als äußerst wirksames Instrument zum Aufspüren von Spuren untergegangener Zivilisationen erwiesen, da es helfen kann, Hinweise auf alte Gebäude, Straßen und anderen künstlichen Strukturen zu erkennen, die in den vielen Jahrhunderten von dichtem Pflanzenwuchs und Bäumen bedeckt wurden.

 

Wie die Forscher in ihrer im Fachjournal Science Advances veröffentlichten Studie schreiben, führten sie ihre Lidar-gestützte archäologische Untersuchungen in einem 84.516 km2 großen Gebiet, das die olmekische Kernzone mit dem westlichen Maya-Tiefland verbindet und in dem sie insgesamt 33.935 architektonische Komplexe und Grabhügelgruppen erfassen konnten. Darunter befanden sich 478 Zeremonienkomplexe, die zu den alten Olmeken- und Maya-Zivilisationen zwischen 1100 v. Chr. und 250 n. Chr. gehörten.


Zu dieser Zeit befanden sich die mesoamerikanischen Kulturen noch in ihrer Frühphase und die Menschen begannen, sich von Jägern und Sammlern, die ständig unterwegs waren, zu sesshaften Siedlern zu entwickeln und sich der Landwirtschaft zuzuwenden.

 

Ihre Bauwerke wiesen oft eine rechteckige Form mit einem ebenen Platz (der Plaza) auf, der von Reihen von Hügeln, länglichen Strukturen und Pyramiden umgeben war. Wie viele mesoamerikanische Konstruktionen dieser Zeit wurden die Gebäude sorgfältig nach der Sonne, dem Mond und sogar den Planeten unseres Sonnensystems ausgerichtet. Eine dieser antiken Stätten ist Aguada Fénix, das größte Gebäude in der gesamten prähispanischen Geschichte des Maya-Gebiets, von dem man annimmt, dass es als astronomische Aussichtsplattform genutzt wurde.

Erstaunlicherweise zeigen diese neuen Forschungsergebnisse, dass viele der Strukturen auf die Sonnenwenden, Vierteltage oder Mondzyklen im 260-Tage-Jahr ausgerichtet sind. So sind einige der Bauwerke so angeordnet, dass sie mit den Sonnenaufgängen am 11. Februar und am 29. Oktober übereinstimmen, die exakt 260 Tage auseinander liegen. Somit sind diese Funde der erste eindeutige Beweis dafür, dass die Maya ein hochentwickeltes Wissen über die Sterne besaßen, das mindestens auf das Jahr 1100 v. Chr. zurückgeht. Es ist auch der älteste bekannte Beweis für den 260-Tage-Kalender.

 

Im 260-Tage-Zyklus laufen 20 Tagesnamen von eins bis 13, was insgesamt einen Zyklus von 260 Tagen ergibt. Es ist ein Kalendersystem, von dem man annimmt, dass es nur in der mesoamerikanischen Kultur verwendet wurde. Niemand kann mit Sicherheit sagen, warum sie diese Anzahl von Tagen in einem Zyklus verwendeten, doch die Theorien reichen von einer Art numerologischer Bedeutung, landwirtschaftlicher Zeitplanung oder sogar der menschlichen Schwangerschaftszeit (da 260 Tage fast 9 Monate sind).

Für die Maya und andere mesoamerikanische Volksgruppen waren die Zahlen 20 und 13, die mit menschlichen Körperteilen, bestimmten Gottheiten und kosmischen Ebenen in Verbindung gebracht werden, besonders wichtig. Obwohl die Daten der Studienautoren nicht ausreichen, um den Ursprung des 260-Tage-Kalenders zu klären, führen sie dazu, dass sie zwei alternative Szenarien favorisieren, die jeweils die Numerologie und die Planung von Ritualen miteinander verbinden.

 

Beide Szenarien haben mit der Landwirtschaft und den Jahreszeiten zu tun und würden ein ziemlich fortgeschrittenes Wissen über die Zyklen des Sonnensystems erfordern. Es ist bemerkenswert, dass die meisten Strukturen mit Daten im Februar und März, dem Höhepunkt der Trockenzeit, verbunden sind. In dieser Zeit waren die Bauern von ihrer Arbeit auf den Feldern befreit und konnten sich Aktivitäten wie Versammlungen, kollektiven Ritualen und Bauarbeiten widmen.

 

Die Forscher vermuten, dass die Einführung des 260-Tage-Kalenders in irgendeiner Weise mit der Entstehung der Landwirtschaft und dem wachsenden Verständnis der Kulturen für das, was über uns am Himmel geschieht.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Pixabay, CC0 Creative Commons


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