06.09.2021

Oortsche Wolke beherbergt unzählige interstellare Objekte

Die beiden Harvard-Astronomen Amir Siraj und Avi Loeb haben eine neue Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass es in der Oortschen Wolke mehr interstellare Objekte gibt als bisher angenommen und jene unseres Sonnensystems bei weitem übertreffen.

 

Als interstellare Objekte bezeichnet man Himmelskörper, die nicht an die Gravitations- oder Magnetkraft der Sonne gebunden sind - sie sind also sehr weit entfernt. Und die Oortsche Wolke ist eine riesige hypothetische und bisher nicht nachgewiesene kugelschalenförmige Ansammlung astronomischer Objekte, die sich am äußersten Rand unseres Sonnensystems, befindet. Verglichen mit der 8-minütigen Reise, die das Sonnenlicht braucht, um die Erde zu erreichen, bräuchte es etwa anderthalb Jahre, um die äußeren Grenzen der Oortschen Wolke zu erreichen. Die NASA beschreibt sie als „eine große, dicke Blase um unser Sonnensystem, die aus eisigen, kometenähnlichen Objekten besteht", und als Ursprungsort von Kometen gilt.


Die Oortsche Wolke konnte zwar noch nicht durch direkte Beobachtung bestätigt werden aber es gibt so viele indirekte Anzeichen ihrer Anwesenheit, sodass Wissenschaftler ihre Existenz als nahezu erwiesen ansehen. Das Wissen um Objekte, die mit der Oortschen Wolke in Verbindung stehen, ist eine unglaubliche wissenschaftliche Leistung, denn aufgrund der astronomischen Entfernung der Wolke und der Tatsache, dass Objekte in der Oortschen Wolke kein eigenes Licht erzeugen, sind sie nicht zu sehen. Außerdem hat unsere Technologie noch nicht mit unserem Interesse an der Erforschung der Oortschen Wolke Schritt gehalten.

 

Abraham »Avi« Loeb ist Professor für Astrophysik am Harvard Smithsonian Center der Harvard University in Cambridge und hatte im Januar 2020 für Schlagzeilen gesorgt, weil er theoretisierte, dass das mysteriöse interstellare Objekt mit der Bezeichnung »1I/'Oumuamua« ein außerirdisches Raumschiff sein könnte. Trotz Kritik einiger Kollegen, verteidigt er weiterhin seine Ansicht und seine Auswertung der vorliegenden Fakten, die ihn zu diesem Ergebnis brachten.

 

Das rätselhafte Objekt namens 1I/'Oumuamua (hawaiisch für »Botschafter«) ist etwa 230 x 35 Meter groß und wurde im Herbst 2017 entdeckt, als es unsere Sonne passierte und er ist der erste Himmelskörper, der nicht aus unserem eigenen Sonnensystem stammt. Die meisten Astronomen halten das 400 Meter lange Gestirn für einen Kometen oder Asteroiden, doch sowohl seine Form als auch seine abnorme Flugbahn scheinen dagegen zu sprechen. Entsprechend erklärte Prof. Loeb gegenüber The Debrief, dass es interessant sei, zu sehen, wie sehr sich seine Kollegen gegen einen unnatürlichen Ursprungs 'Oumuamuas wehren und nur nach Argumenten suchen, es zu widerlegen. Doch selbst wenn sich `Oumuamua als natürliches, interstellares astronomisches Objekt herausstellen sollte, so ist es offenbar nicht das einzige in unserem Sonnensystem.


Denn wie die beiden Astrophysiker Loeb und Siraj in ihrer im Fachjournal Monthly Notices of the Royal Astronomical Society veröffentlichten Studie schreiben, haben sie statistische Untersuchungen am interstellaren Kometen 2I/Borisov unternommen und daraus geschlossen, dass mehr als die Hälfte der Objekte in der Oortschen Wolke interstellaren Ursprungs sein könnten. Vermutlich sind sie aus den Orbitalsystemen benachbarter Sterne hinausgeschleudert und von der Gravitation der Sonne eingefangen worden. Dies würde bedeuten, dass ein erheblicher Austausch von Himmelskörpern zwischen Sternsystemen stattfindet, da umgekehrt auch zahlreiche Objekte aus der Oortschen Wolke in den Schwerkraftbereich anderer Sterne wechseln könnten.

 

Doch das hieße nicht, dass alle Objekte aus anderen Sonnensystemen auch gleich sind. Sowohl 2I/Borisov als auch `Oumuamua liefern Einblicke in die Physik und Chemie von Trümmerwolken, die als Geburtsstätte für Planeten um junge Sterne dienen, doch seien sie unterschiedlich. `Oumuamua könnte aus reinem Wasserstoff oder reinem Stickstoff bestehen, was ihn zu einem nie zuvor dokumentierten Objekttyp macht, erklärte Dr. Loeb, Borisov hingegen erscheint wie ein gewöhnlicher Komet.

 

Die Fülle an interstellaren Objekten in der Oortschen Wolke könnte darauf hindeuten, dass bei der Entstehung von Planetensystemen viel mehr Gesteins-, Staub- und Eiskörper unterschiedlicher Größe übriggeblieben sind als bisher angenommen. Zudem glaubt Dr. Loeb, dass es bis zum Rand der Oortschen Wolke etwa hundert Billionen Borisov-ähnliche interstellare Kometen geben dürfte, wir jedoch noch nicht über die notwendige Technologie verfügen, um sie zu sehen.

 

Es klingt, als ob noch mehr interessante, weit entfernte interstellare Besucher unterwegs sein könnten ...

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: NASA


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