29.04.2020

Analyse: »Nazareth-Tafel« stammt nicht aus Jesus Grab

Eine 2.000 Jahre alte beschriftete Marmortafel stammt offenbar nicht vom Grab Jesu, wie man bisher glaubte.

 

Diese weltberühmte Inschrift befindet sich auf einem 60 x 35,5 cm großen Marmorblock und man nennt es »Nazareth-Tafel«, weil es nach archivalischen Angaben im Jahr 1878 von dieser galiläischen Stadt aus den in Paris lebenden deutschen Sammler und Gelehrten Wilhelm Fröhner übergeben wurde. Angeblich wurde die Tafel nachdem Jesus Christus aus seiner Grabstätte verschwand angebracht und die auf Griechisch verfasste Inschrift warnte Grabräuber (und alle anderen Personen) mit der Todesstrafe, falls sie die Ruhestätte schänden.


Aufgrund ihres Alters und ihrer vermeintlichen Verbindungen zu Nazareth haben Bibelforscher lange darüber spekuliert, ob sie vielleicht von dem römischen Kaiser als Reaktion auf das Verschwinden des Leichnams Jesu aus seinem Grab angebracht worden war und deshalb als Beweis dafür angesehen, dass er tatsächlich von den Toten auferstanden war. Nun zieht eine neue geochemische Analyse der Tafel diese Theorie jedoch in Zweifel.

 

Denn als ein Wissenschaftlerteam um den Historiker Prof. Kyle Harper von der University of Oklahoma von der Marmortafel Proben nahmen und sie auf stabile Kohlenstoff- und Sauerstoffisotope untersuchten, konnten sie den Ursprung der Tafel bis zu einem kleinen Steinbruch auf der griechischen Insel Kos vor der türkischen Küste zurückverfolgen. „Wir glauben, dass dies das erste Mal ist, dass die Chemie stabiler Isotope angewendet wurde, um die Provenienz einer Inschrift, einer Periode, festzustellen. Wir hatten zweimal Glück. Erstens gab es eine sehr direkte Übereinstimmung mit einem ziemlich unerwarteten Marmorsteinbruch, so dass wir seinen Ursprung wirklich auf Kos lokalisieren konnten. Zweitens wussten wir von einer Epoche der Grabschändungen, die genau in der richtigen Zeit sehr populär war. Ich hätte nie eine so erstaunliche Übereinstimmung erwartet", erklärte der leitende Studienautor Prof. Harper in einer Mail an Live Science.

 

Wie es in der im Fachjournal Journal of Archaeological Science veröffentlichten Studie der Wissenschaftler heißt, deutet alles darauf hin, dass die Inschrift nicht auf den biblischen Jesus bezogen ist, sondern dass sie aus dem ersten Jahrhundert vor Christus stammt und für einen Herrscher namens Nikias auf Kos hergestellt wurde. Ein altes griechisches Gedicht würde darüber berichten, dass aufgebrachte Bürger von Kos um 20 v. Chr. Nikias' Grab öffneten und seinen Leichnam rausholten. Harper vermutet, dass der damalige Kaiser Augustus die »Nazareth-Tafel« anbringen lassen hat, um wieder für Ruhe und Ordnung in der Region zu sorgen, allerdings gibt es dafür keine historischen Belege.

 

Übrigens, die Marmortafel wird in der Bibliothèque nationale de France in Paris aufbewahrt.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Bibliothèque nationale de France

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