19.05.2020

Scheinbar leere Qumram-Rollen enthalten verborgenen Text

Neue Untersuchungen haben ergeben, dass einige Fragmente der Schriftrollen vom Toten Meer - auch Qumran-Schriftrollen genannt - die man für leer hielt, tatsächlich Text enthalten.

 

Die so genannten Qumran-Schriftrollen wurden in elf Felshöhlen in der Nähe der Ruinenstätte Khirbet Qumran im Westjordanland am Toten Meer gefunden und gelten seit ihrer Entdeckung in den 1940er- und 1950er-Jahren als einmalige Zeugnisse des antiken Judentums. Sie bestehen aus über 15.000 Fragmente von insgesamt etwa 850 Dokumenten, die sowohl biblische Texte aus dem Alten Testament als auch Kommentare dazu enthalten. Die Mehrzahl der Schriftrollen ist in Hebräisch verfasst, ca. 15 Prozent in aramäischer und einige wenige in griechischer Sprache.

 

Einige der einzigartigen Manuskripte zählen zu den ältesten bekannten Bibelhandschriften und wurden von mindestens 500 verschiedenen Schreibern zwischen 250 vor und 40 nach Christus verfasst. Sie waren aus Papyrus bzw. Ziegen- und Schafshaut hergestellt, die zu dünnem Pergament bearbeitet wurden und in Tonkrügen aufbewahrt, relativ gut konserviert und erhalten geblieben sind. So lassen sich dank modernster Analysetechniken selbst heute noch verborgene, stark verblasste Texte auf diesen zerbrechlichen Pergamenten sichtbar machen


Heute befinden sie sich in Sammlungen und Museen auf der ganzen Welt, unter anderem in der John Rylands Library der Universität Manchester, wo vier besonders bemerkenswerte Rollenfragmente beherbergt werden, von denen man bis vor kurzem annahm, dass sie völlig leer und unbeschriftet wären. Doch nach einer neuen vom King's College London, der Theologische Fakultät Lugano und der Universität Malta durchgeführten Studie hat sich gezeigt, dass die Fragmente tatsächlich mehr enthalten, als man auf den ersten Blick erkennen kann.

 

„Als ich eines der Fragmente mit einem Vergrößerungsglas betrachtete, dachte ich, ich hätte einen kleinen, verblassten Buchstaben erkannt - einen Lahmed, den hebräischen Buchstaben »L«", schilderte Professor Joan Taylor vom King's College London gegenüber Phys.org seinen ersten Verdachtsmoment. „Aber ehrlich gesagt, da all diese Fragmente eigentlich leer sein sollten und sogar schon zuvor für Materialstudien zerschnitten worden waren, dachte ich mir, dass ich es mir auch einbilden könnte. Doch dann schien es, als wenn auch andere Fragmente sehr verblasste Buchstaben aufweisen würden."

 

Ihre daraufhin mittels Multispektraltechnik durchgeführte Untersuchung der insgesamt 57 Fragmente bestätigte tatsächlich das Vorhandensein von Inschriften in hebräischer und aramäischer Sprache, wobei insbesondere ein Stück vier Textzeilen mit jeweils 15-16 Buchstaben aufwies. Auch auf den anderen vermeintlich leeren Pergamenten fand man Linien und Spuren anderer Buchstaben.

 

„Da nun neue Techniken zur Sichtbarmachung alter Texte zur Verfügung stehen, war ich der Meinung, dass wir in Erfahrung bringen sollten, ob man diese Buchstaben zum Vorschein bringen kann", sagte Taylor. „Auf jedem Fragment befinden sich nur wenige, doch sie sind wie die fehlende Teile eines Puzzles, die man unter dem Sofa findet.“

 

Die Schriftrollen stehen immer wieder im Mittelpunkt von Diskussionen, nicht zuletzt, weil ihre Echtheit angezweifelt wird (wir berichteten hier und hier).

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: University of Manchester

links: Normalaufnahme eines Fragmentes; rechts: die Multispektralaufnahme
links: Normalaufnahme eines Fragmentes; rechts: die Multispektralaufnahme

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