02.02.2022

Erste dokumentierte Kugelblitz-Sichtung aus dem Jahr 1195 entdeckt

Forscher sind auf einen detaillierten Bericht über eine Kugelblitz-Sichtung gestoßen, die sich vor fast 1.000 Jahren ereignete.

 

Begegnungen mit Kugelblitzen sind oft ebenso faszinierend wie beängstigend - man stelle sich nur vor, wie ein lautloser Ball aus knisternder Energie auf einem zugleitet und die Luft um einen herum elektrisch aufgeladen wird. Solche Sichtungen sind zwar unglaublich selten, doch sie können vorkommen und tun es auch - Kugelblitze sind ein sehr reales Phänomen, das auch heute noch geheimnisvoll ist.

Die vielleicht erste jemals aufgezeichnete Sichtung von Kugelblitzen in England wurde kürzlich im Text eines Buches entdeckt, das im 12. Jahrhundert n. Chr. von Gervase, einem Mönch der Christ Church Cathedral in Canterbury, verfasst wurde.

 

Seiner Chronik History of Canterbury zufolge war am 7. Juni 1195 an einem ansonsten klaren Tag in der Nähe der Londoner Unterkunft des Bischofs von Norwich ein mysteriöser, sich drehender Flammenball aus einer dunklen Wolke erschienen. In seinem schriftlichen Bericht gab Gervase an, dass sich die „feurige Kugel in den Fluss stürzte". Man kann sich leicht vorstellen, dass dem Phänomen eine Art göttliche Bedeutung zugeschrieben hätte werden können, vor allem in Anbetracht der Zeitepoche, in der diese Sichtung stattfand. Überraschenderweise verzichtete der Mönch bei seiner Beschreibung der Sichtung jedoch auf eigene Erklärungsversuche und überließ es den Lesern, ihre eigenen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

Über Kugelblitze

Berichte über Kugelblitze gehen über Jahrhunderte zurück aber das Phänomen selbst war schwer zu untersuchen. Die Kugeln sind unberechenbar und wenn sie doch irgendwann mal in Erscheinung treten, dann nur für die Dauer von wenigen Sekunden. Ohne genaue Untersuchungen reichten die bisherigen Erklärungen von elektrisch geladenen Meteoriten bis hin zu Halluzinationen, die durch Magnetismus während eines Sturms hervorgerufen werden.

 

Jianyong Cen und seinen Kollegen von der Northwestern Normal University in Lanzhou (China) gelang 2014 rein zufällig die Aufnahme der Entstehung eines Kugelblitzes. Wie sie in ihrer im Fachjournal Physical Review Letters veröffentlichten Studie schrieben, hatten sie während der Beobachtung eines Gewitter in Qinghai Videokameras und Spektrographen im Einsatz, als plötzlich ein Blitz den Erdboden traf und ein glühender Ball von über 5 Metern im Durchmesser entstand, der in rund 15 Metern Höhe schwebte und nach 1,6 Sekunden wieder verschwand.

 

Der Spektrograph zeigte an, dass die Hauptelemente in der Kugel die gleichen waren, wie die im Erdboden: Silicium, Eisen und Calcium. Die Beobachtung unterstützt die Theorie der Entstehung von Kugelblitzen, die John Abrahamson von der University of Canterbury in Neuseeland im Jahr 2000 aufgestellt hatte.

 

Abrahamson vermutete damals, dass bei einem Blitzeinschlag auf den Erdboden, die plötzliche, starke Hitze das Siliziumoxid in der Erde verdampfen lassen und eine Schockwelle das Gas in die Luft blasen könnte. Wenn auch noch zufällig Kohlenstoff im Boden vorhanden ist - vielleicht von totem Laub oder Baumwurzeln - wird dem Siliziumoxid der Sauerstoff entzogen und ein Bündel von reinem Siliziumdampf entsteht. Aber die sauerstoffreiche Atmosphäre unseres Planeten lässt den heißen Gasball schnell wieder oxidieren und diese Reaktion lässt die Kugel kurz leuchten.

 

Abrahamsons Theorie erhielt im Jahr 2006 Unterstützung von Wissenschaftlern der israelischen Universität Tel Aviv. Dort konnten die Forscher Kugelblitze im Labor herstellen, indem sie künstliche Blitze auf Siliziumoxid-Platten feuerten. Doch die Beobachtung in China dokumentierte zum ersten Mal mit wissenschaftlichen Instrumenten, wie ein Kugelblitz in der freien Natur entsteht.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Gemeinfrei


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