21.01.2022

Wie realistisch ist der apokalyptische Film »Don't Look Up«?

Der satirisch angehauchte Netflix-Katastrophenfilm mag zwar fiktiv sein, aber einiges davon könnte vielleicht näher an der Realität liegen, als uns lieb ist.

 

In dem US-amerikanischen Film »Don't Look Up« (deutsch: Schau nicht nach oben) geht es darum, dass die beiden Astronomen Kate Dibiasky und Dr. Randall Mindy von der Michigan State University einen großen Kometen entdecken, der ihren Berechnungen zufolge die Erde und die Weltbevölkerung in sechs Monaten und vierzehn Tagen zerstören wird. Sie wenden sich mit ihrer Entdeckung an die US-Präsidentin, damit entsprechende Abwehrmaßnahmen getroffen werden und die Menschheit gerettet werden kann. Doch die ignoriert die bevorstehende Gefahr und spielt sie herunter, da sie inmitten des Wahlkampfes für die Zwischenwahlen steht und diese nicht mit der Nachricht eines nahenden Kometen gefährden möchte. Deshalb beschließt sie, „Ruhe zu bewahren“ und zu „sondieren“.

So sehen Dibiasky und Dr. Mindy keinen anderen Weg, als direkt an die Öffentlichkeit zu gehen und ihnen die drohende Apokalypse zu verkünden, die ihnen bevorsteht. Doch weder die Medien noch die Bevölkerung nehmen sie und ihre Warnung ernst, im Gegenteil, sie werden als Spinner und Verschwörungstheoretiker bezeichnet.

 

Als der zerstörerische Komet der Erde so nah gekommen ist, dass er von allen bemerkt wird, werden zwar endlich Maßnahmen getroffen, doch die zielen erstrangig darauf ab, ihn kommerziell zu nutzen und seine Rohstoffe abzubauen. Diese scheitern jedoch genauso wie die anschließenden Abwehrmaßnahmen, da nicht mehr genügend Zeit bleibt. Die US-Präsidentin sowie einige ausgewählte Menschen schaffen es, in einem Raumschiff zu entkommen, bevor der Himmelskörper einschlägt und die menschliche Zivilisation ausgelöscht wird. Die geretteten Menschen im Raumschiff landen nach 22.740 Jahren auf einem Planeten, auf dem wilde Kreaturen leben, die den einstigen Dinosauriern auf der Erde ähneln. Als sie aus dem Raumschiff steigen, werden sie alle sofort angefallen und gefressen. Game over für die Spezies Mensch!

Es ist ja nur ein Film, werden viele sagen. Ja, aber es gibt zigtausende bekannte - und noch unentdeckte - Meteore und Asteroiden da draußen, die der Erde gefährlich nahe kommen und ein derartiges Szenario real werden lassen könnten. Also, wie besorgt sollten wir wirklich sein - und was würde passieren, wenn ein solches Objekt uns tatsächlich treffen würde? Monica Grady - Professorin für Planeten- und Weltraumwissenschaften an der englischen Open University in Milton Keynes - hat in The Conversation einen genaueren Blick auf die im Film behandelten Themen und darauf geworfen, wie wahrscheinlich es ist, dass wir in eine ähnlichen Situation geraten könnten.

 

Hier das Fazit: Der Film nimmt sehr offensichtlich die rechtsgerichtete US-Politik, den Einfluss von Parteispenden auf die Politik (und die Politiker) und die zunehmenden Technologie, die Daten über unsere Gesundheit, Gewohnheiten und Lebensstil sammelt, sowie die Nutzung dieser Informationen durch Technologiegiganten, aufs Korn. Allerdings macht er sich aber nicht über die Wissenschaft lustig, denn die Entdeckung des Kometen ist (einigermaßen) realistisch. Und das ist auch gut so, denn Amy Mainzer, leitende Forscherin des NASA-Asteroidenverfolgungsprogramms NEOWISE, war wissenschaftliche Beraterin bei der Produktion. Im Film melden die Astronomen ihre Ergebnisse an das Planetary Defense Coordination Office, das, wie darin auch gezeigt wird, eine reale Organisation der NASA ist.

 

Aber macht diese Tatsache den Film auch realistisch? Die Erde wurde in der Vergangenheit von großen Asteroiden getroffen - deshalb gibt es heute auch keine riesigen Dinosaurier auf dem Planeten. Außerdem wird die Erde jeden Tag mit Tonnen von Staub und Meteoriten bombardiert. Das gegenwärtige Risiko eines Asteroideneinschlags mag zwar gering sein aber es könnte dennoch jederzeit geschehen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde eines fernen Tages katastrophal getroffen wird, beträgt sogar 100 Prozent. deshalb sind sich Astronomen darin alle einig: Die Frage ist nicht, OB uns ein Asteroid treffen wird, sondern WANN.

Diese Gefahr wird von allen Regierungen viel ernster genommen, als es im Film dargestellt wird und so gibt es ein bewährtes Protokoll für die Meldung neuer Asteroiden und Kometen, sodass wir stets über (fast) alle Asteroiden informiert sind, die nahe an der Erde vorbeiziehen. Es gibt auch Notfallpläne, um die möglichen Folgen eines Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde abzumildern. Dabei geht es in der Regel darum, den Kurs des Asteroiden abzulenken, da der Versuch, ihn in letzter Minute abzuschießen, nicht machbar ist - es würde zu viel Energie kosten. Der Start der DART-Mission der NASA im vergangenen November, einer Mission zur Erprobung von Technologien, soll dazu beitragen, die Frage zu klären, wie man Asteroiden, die die Erde bedrohen, am besten ablenken kann.

 

Es gibt jedoch einen Punkt, an dem »Don't Look Up« einen Nerv trifft, nämlich die mangelnde Vorbereitung auf den Ernstfall, wenn dieser schließlich eintritt und die Pläne zur Schadensbegrenzung versagt haben. Hier sieht Prof. Grady eine Anspielung auf unser Verhalten bezüglich des Klimawandels. Es gibt keinen Plan B. und man schaut weg, bezügliche Warnungen werden als Fake News dargestellt.

 

Dass zumindest Wissenschaftler der NASA und ESA die Gefahr von Asteroiden ernst nehmen, sieht man daran, dass sie alle zwei Jahre zusammen mit den verschiedensten Rettungsdiensten im Rahmen eines fiktiven Bedrohungsszenarios ihre Bemühungen diesbezüglich koordinieren und in einer Simulation üben, wie unsere Zivilisation mit einem solchen Katastrophenfall umgehen würde, sollte es tatsächlich eintreten. Im Rahmen der »7. Planetary Defense Conference« der International Academy of Astronautics (IAA) wurde 2021 ein Asteroid simuliert, der sich nur noch sechs Monate vor einer Kollision mit der Erde entfernt befindet.

Die meisten Methoden, die uns vor einem großen Asteroideneinschlag bewahren sollen, sehen vor, dass das Weltraumgestein noch rechtzeitig entdeckt wird, wenn es sich noch fern im All befindet, so dass uns genügend Zeit bleibt, etwas dagegen zu unternehmen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, eine Raumsonde in den Asteroiden zu entsenden, die mit ihrer Anziehungskraft eine kleine, aber dennoch signifikante Änderung seiner Flugbahn zur Folge hätte, die den feinen Unterschied zwischen einem Volltreffer und einer Verfehlung ausmachen könnte. Wenn der Asteroid jedoch bereits sehr erdnah ist, könnte die Zeit für eine solche Mission nicht ausreichen.

 

Im Fall der letztjährigen Planetenverteidigungsübung ging es um einen Asteroiden, der am 19. April 2021 entdeckt wurde und mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:2500 Mitte des folgenden Oktober auf der Erde einschlagen könnte. Vier Monate vor dem hypothetischen Impakt stellte sich heraus, dass der Asteroid am 20. Oktober in Zentraleuropa einschlägt würde und je nachdem wo er einschlägt, es zwischen 500.000 und 6.000.000 Menschen nicht überleben würden. Allerdings war den Experten nicht das Ergebnis wichtig (schließlich konnte an dem theoretischen Ausgang des Szenarios sowieso nichts geändert werden), sondern vielmehr die das Ganze drumherum - also die Diskussionen und die Pläne, die erstellt wurden, sowie die Arbeit, die geleistet wurde, um vorherzusagen, was passieren würde.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Dmytro Ivashchenko, Wikimedia Commons

 

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