09.11.2022

Ureinwohner Südamerikas besaßen Neandertaler- und Denisovaner-DNA

Die frühesten Menschen, die Südamerika besiedelten, trugen genetisches Material von mehreren ausgestorbenen eurasischen Hominidenarten in sich, wie neue Forschungsergebnisse zeigen. Neben DNA von Neandertaler und Denisovan-Mensch trugen diese frühen Einwanderer auch Gene aus Australien und Papua-Neuguinea in sich, was eine Reihe interessanter Fragen zu den frühen menschlichen Migrationsmustern aufwirft.

 

Denn zwischen Australasien und Amerika liegt der riesige Pazifische Ozean und den Wissenschaftlern ist unklar, wie diese genetischen Merkmale bei den Vorfahren der Mittel- und Südamerikaner auftauchen konnten, ohne ihre Spuren auch in Nordamerika zu hinterlassen. Aus diesem Grund wollte das Forscherteam um den Archäogenetiker Andre Luiz Campelo dos Santos von der Florida Atlantic University zunächst herausfinden, wie die erste Ausbreitung des Menschen in Südamerika stattgefunden hat.


Wie sie hierzu in ihrer vorab auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlichten Studie schreiben, hatten sie die Genome von zwei Personen analysiert, die beide vor etwa 1.000 Jahren im Nordosten Brasiliens lebten. Der Abgleich der Genome anderer Ureinwohner Amerikas mit weltweiten modernen Genomdaten konnten den Forschern Aufschluss darüber geben, wie sich die Menschen zuerst über Südamerika ausgebreitet hatten.

 

So zeigen ihre Ergebnisse beispielsweise eine eindeutige Beziehung zwischen den beiden Genomen aus Nordostbrasilien und einem Individuum, das 9.000 Jahre zuvor im Südosten Brasiliens lebte - und diese alten Siedler waren auch mit anderen Ureinwohnern aus Uruguay und Panama verwandt. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse vermuten die Forscher, dass die ersten Menschen, die in Südamerika ankamen, entlang der Pazifikküste nach Süden gewandert sein müssen und nachdem sie den südlichen Teil des Kontinents erreicht hatten, sich mindestens eine Gruppe von der Hauptbevölkerung abspaltete und in Richtung Osten, in die Region der heutigen Gemeinde Lagoa Santa im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, weiterzog.


Aufgrund des Alters der ältesten menschlichen Überreste in dieser Region kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass diese Abspaltung vor mindestens 10.000 Jahren stattgefunden haben muss. Nachdem sie Lagoa Santa erreicht hatten, begannen verschiedene Gruppen, nach Norden und Süden zu wandern und schufen vor etwa 1.000 Jahren schließlich eine atlantische Migrationsroute, die Panama und Uruguay verband.

 

Diese Ergebnisse bestätigen somit zum ersten Mal, dass Südamerika zunächst von einer südwärts gerichteten Welle entlang der Pazifikküste bevölkert wurde, bevor sich eine zweite Welle entlang der Atlantikküste nach Norden bewegte.

 

Faszinierenderweise fanden die Forscher auch Denisovan- und Neandertaler-Vorfahren in den alten Bewohnern von Panama und Uruguay. Zu ihrer Überraschung stellten sie jedoch fest, dass diese Genome eine größere Menge an Denisovan- als an Neandertaler-DNA enthielten. Man geht davon aus, dass die Denisovan-Menschen während des Paläolithikums in Asien gelebt haben, obwohl nur sehr wenige Überreste dieser ausgestorbenen Menschenart gefunden wurden. Entsprechend verblüffend ist, dass es die Vorfahren der Denisovaner bis nach Südamerika geschafft haben. Die Vermischung muss deshalb schon lange vorher stattgefunden haben, wahrscheinlich vor 40.000 Jahren.

Die Tatsache, dass die Denisovan-Linie überlebte und ihr genetischer Fingerabdruck in ein uraltes Individuum aus Uruguay gelangte, das nur 1.500 Jahre alt ist, deutet darauf hin, dass es ein großes Vermischungsereignis zwischen einer Population von Homo sapiens und Denisovanern gegeben haben muss.

 

Obwohl Amerika der letzte Kontinent war, der von Menschen besiedelt wurde, ist wenig darüber bekannt, wie genau oder wann die ersten Menschen dort ankamen. Die Ergebnisse dieser Studie werfen ein neues Licht auf die Bewegungen und die Abstammung dieser frühen Siedler und deuten darauf hin, dass die genetische Geschichte der Region möglicherweise komplexer ist, als wir es uns je vorgestellt haben.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Pixabay, CC0 Creative Commons


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