05.03.2022

Die »Johatsu« - Die Menschen, die in Japan spurlos verschwinden

Immer wieder verschwinden Menschen aus ihrem gewohnten Alltag, ohne eine Spur zu hinterlassen, doch nirgendwo auf der Welt geschieht es so häufig wie in Japan - dem Land, in dem man für dieses Phänomen sogar einen eigenen Namen hat: »Johatsu«.

 

Wenn es nicht gerade in Brasilien, Kolumbien oder Mexiko geschieht, wo Menschen tagtäglich aufgrund von Drogenkriegen unter den Kartellen »verschwinden«, könnte man spekulieren, dass es auch Außerirdische sein könnten, die uns Menschen für ihre Experimente entführen. Doch davon abgesehen, dass die Aliens uns »Laborratten« gemäß den dokumentierten Fällen stets zurückbringen und uns (verständlicherweise) offenbar nicht behalten wollen, haben die japanischen Fälle meist einen sehr irdischen und traurigen Hintergrund.

Die häufigsten Gründe, warum in Japan Menschen spurlos verschwinden, sind tatsächlich Schulden, gescheiterte Beziehungen sowie die berüchtigte harte japanische Arbeitskultur. Aber bestimmte kulturelle Faktoren gestalten diese Gründe in Japan viel schwerwiegender als anderswo, denn die Schande, seine Familie mit Schulden zu belasten, eine Scheidung durchzumachen - die in diesem asiatischen Land seit jeher sehr selten ist - oder sogar seinen Job zu verlieren, wird von vielen Japanern als unerträglich empfunden. So sehen viele von ihnen nur zwei Auswege, dieser Schande zu entgehen: Entweder nehmen sich das Leben oder werden zu einem »Johatsu«, was so viel wie »aus dem Leben verschwinden« bedeutet.

 

Der japanische Soziologe Hiroki Nakamori, der sich seit vielen Jahren mit dem Johatsu-Phänomen in Japan beschäftigt, erklärte gegenüber der BBC, dass der Begriff in seiner Heimat seit den 60er-Jahren verwendet wird, als die Menschen erkannten, dass es für sie und ihre Familien am besten wäre, einfach aus ihrem Leben zu verschwinden. „In Japan ist es einfach leichter, zu verschwinden", schilderte Nakamori. „Die Polizei mischt sich nicht ein, es sei denn, es gibt einen erforderlichen Grund - wie ein Verbrechen oder einen Unglücksfall. Das Einzige, was die Familie in einem solchen Fall tun kann, ist, viel Geld für einen Privatdetektiv auszugeben. Oder einfach abwarten. Das ist alles."

Da die Privatsphäre in Japan besonders streng respektiert wird, können die Menschen, die sich entschließen, zum Johatsu zu werden, problemlos untertauchen und müssen kaum Angst haben, entdeckt zu werden. Solange sie großen Abstand zu jenem Leben halten, dem sie zu entfliehen versuchen, sind sie vor Überwachungskameras sicher. Sie können sogar ihre Kreditkarten am Geldautomat benutzen, da Familienmitglieder keinen Zugriff auf die Sicherheitsvideos haben, und die Transaktionen am Geldautomaten nicht nachverfolgt werden.

 

Dies sehen viele Japaner aber auch kritisch, denn das hindert beispielsweise Familien daran, nach ihren vermissten Angehörigen zu suchen und Gewissheit über ihrem Verbleib zu haben. Mit dem derzeitigen Gesetz und ohne die finanziellen Mitteln für private Ermittlungen bleibt ihnen nur übrig, abzuwarten, bis irgendwann die Nachricht kommt, dass man sie gefunden hat … oder zur Identifizierung ins Leichenhaus gebeten werden.

 

Das Johatsu-Phänomen ist in Japan so weit verbreitet, dass es sogar Unternehmen gibt, die sich darauf spezialisiert haben, Menschen zu helfen, ihr Verschwinden zu organisieren, ohne Spuren zu hinterlassen. Diese als »Nachtumzugsdienste« oder »Fly-by-Night-Shops« (Nachtflug-Shops) bezeichneten Firmen helfen Johatsus bei der Planung ihres Verschwindens und bieten auch vorübergehende Unterkünfte an geheimen Orten an.

 

Der Besitzer eines Fly-by-Night-Shops enthüllte, dass er jedes Jahr zwischen 100 und 150 Menschen hilft, zum Johatsu zu werden und dass die Kosten für seinen Dienst davon abhängen, mit wie viel Hab und Gut jemand seinem bisherigen Leben entfliehen möchte, wie weit er sich entfernen will und wann sein Verschwinden stattfinden soll. So schwanken die Preise zwischen 50.000 Yen (390 Euro) und 300.000 Yen (2.400 Euro), wobei die Mitnahme von Kindern oder die Flucht vor Schuldeneintreibern die Preise erhöhen.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Pixabay, CC0 Creative Commons


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