16.08.2021

Geomythologie: Die Suche nach der Wahrheit in den Mythen

Seit Tausenden von Jahren enthalten Sagen und Mythen Hinweise auf die geologische Geschichte der Erde, doch inwieweit beruhen sie auch auf reale Ereignisse? Prof. Timothy John Burbery von der Marshall University im US-amerikanischen Bundesstaat West Virginia. hat untersucht, ob die Analyse historischer Erzählungen uns was über die Vergangenheit unseres Planeten sagen kann und seine Ergebnisse auf The Conversation publiziert.

 

Bei der Geomythologie handelt es sich um die Untersuchung potenzieller Hinweise auf geologische Ereignisse in der überlieferten Mythologie. Der Begriff wurde von der Geologin Dorothy Vitaliano im Jahre 1968 geprägt, die feststellte, dass es in erster Linie zwei Arten von geologischer Folklore gibt, nämlich solche, bei denen ein geologisches Merkmal oder das Auftreten eines geologischen Phänomens zu einer folkloristischen Erklärung inspiriert hat, und solche, die eine verzerrte Erklärung für ein tatsächliches geologisches Ereignis - in der Regel eine Naturkatastrophe - darstellen.

Jeder liebt eine gute Geschichte, besonders dann, wenn sie auf einer wahren Begebenheit beruht. Nehmen wir nur die Titanomachie aus der Griechischen Mythologie, in der ein elfjähriger Krieg zwischen den olympischen Götter beschrieben wird, der von Zeus angeführt wurde und bei dem die vorherige Generation der Unsterblichen, die Titanen, besiegt wurden. Der griechische Dichter Hesiod widmete sich mit seinem Werk »Theogonie« diesem Konflikt und erzählte damit nicht nur eine spannende Geschichte, sondern überlieferte möglicherweise darin auch reale Ereignisse.

 

Der Ausbruch des Vulkans Thera um 1650 v. Chr. könnte beispielsweise zu Hesiods Erzählung inspiriert haben. Diese antike Naturkatastrophe in der südlichen Ägäis war stärker als der vom Krakatau in Indonesien im Jahr 2020 und konnte von allen Menschen im Umkreis von Hunderten von Kilometern beobachtet werden. So glaubt auch der Wissenschaftshistoriker Mott Greene, dass Schlüsselmomente der Titanomachie die »Signatur« des Ausbruchs widerspiegeln würde, denn Hesiod habe darin festgehalten, dass aus dem Boden ein lautes Grollen vernommen wurde, als die verfeindeten Heere aufeinandertrafen und Seismologen wissen heute, dass harmonische Erschütterungen - kleinere Erdbeben, die manchmal Eruptionen vorausgehen - oft ähnliche Geräusche erzeugen. Und Hesiods Beschreibung, dass der Himmel - der „weite Himmel" - während der Schlacht bebte, könnte durch die von der Vulkanexplosion verursachten Schockwellen in der Luft erklärt werden. Die Titanomachie könnte also die kreative Fehlinterpretation eines realen Naturereignisses darstellen.

Einige Mythen könnten auch durch Funde prähistorischer Überreste entstanden sein, die von den damaligen Menschen keinem bekannten Lebewesen zugeordnet werden konnten. Die Geschichten um die Zyklopen, dem Volk der einäugigen Riesen, die Odysseus und seine Mannschaft bedrohten, könnten aus den Funden prähistorischer Elefantenschädel in Griechenland und Italien hervorgegangen sein. Im Jahr 1914 wies der Paläontologe Othenio Abel darauf hin, dass diese Fossilien große vordere Gesichtshöhlen aufwiesen, aus denen der Rüssel herausragte und sich die Augenhöhlen hingegen an den Seiten des Schädels befanden, sodass sie leicht zu übersehen waren. Für die alten Griechen, die sie ausgruben, könnten diese Schädel wie die Überreste einäugiger, humanoider Riesen ausgesehen haben. Und der scheinbar phantasievolle Greif - ein Mischwesen mit Adlerkopf und Löwenkörper - könnte eine ähnliche Entstehungsgeschichte haben und auf der Fehldeutung von Protoceratops-Dinosaurierresten in der Wüste Gobi beruhen.

 

Wieder andere Mythen könnten auf Naturereignisse hinweisen. Indigene Erzählungen berichten von »Feuerteufeln«, die von der Sonne heruntergeflogen kamen, auf die Erde stürzten und dabei alles in der Umgebung töteten. Bei diesen »Teufeln« handelte es sich wahrscheinlich um Meteore, die von den australischen Ureinwohnern beobachtet wurden. In einigen solchen Fällen greifen die Erzählungen den Erkenntnissen der westlichen Wissenschaft um Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte voraus.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Pixabay, Bearb. F. Calvo


* Die Beiträge unterliegen dem Urheberrechtsschutz und das Kopieren ist nur für nichtkommerzielle Zwecke und dem deutlich sichtbaren Hinweis auf den Autor und dem Direktlink zu http://terra-mystica.jimdofree.com gestattet. Siehe unsere Urheberrechtsbestimmungen.

_______________________________________________________________