21.11.2021

Traditionelle Feen entführten Kinder und tranken Menschenblut

Vergesst die typischen netten und liebevollen Feen aus den Disney-Filmen, denn die »echten« Feen aus der Folklore vergangener Jahrhunderte waren eher grausame, blutrünstige Geschöpfe.

 

Wenn wir an Feen denken, stellen wir sie uns meistens wie die niedliche Tinkerbell aus »Peter Pan« oder die gütige Cendrillon aus »Cinderella« vor, wie sie in den Disney-Filmen zu sehen sind, doch tatsächlich haben diese sagenumwobenen Naturgeister haben einen viel dunkleren Ursprung - und ihr Wesen wurde früher eher mit denen von Untoten oder blutsaugenden Vampiren beschrieben.

In seinem Buch The Secret Commonwealth of Elves, Fauns and Fairies (deutsch: Die geheime Gemeinschaft der Elfen, Faunen und Feen) vertrat der schottische Volkskundler und bischöflicher Pfarrer von Aberfoyle, Robert Kirk (1644-1692), die Ansicht, dass Feen eigentlich eher Untote oder eine Art Wesen zwischen Mensch und Engel sind. Diese Assoziation ist in den keltischen Überlieferungen besonders ausgeprägt und auch Lady Jane Wilde verbreitete 1887 in Irland den Glauben, dass: „Feen die gefallenen Engel sind, die von Gott, dem Herrn, wegen ihres sündigen Stolzes aus dem Himmel verbannt wurden ... und der Teufel gibt ihnen Wissen und Macht und schickt sie auf die Erde, wo sie viel Böses tun."

 

Entsprechend werden Feen und andere Naturwesen in den alten folkloristischen Geschichten als grausame Kreaturen beschrieben, die Kinder entführen, Menschen in den Wahnsinn treiben, das Vieh sowie die Ernten verderben und sogar Menschenblut trinken. Die britische Volkskundlerin Katharine Mary Briggs (1898-1980) schrieb dazu in ihrem 1976 veröffentlichten Buch Dictionary of Fairies (deutsch: Wörterbuch der Feen): „Menschen, die nachts allein unterwegs waren, vor allem an von Feen heimgesuchten Orten, hatten viele Möglichkeiten, sich zu schützen. Eine wäre, heilige Symbole wie das Kreuzzeichen zu machen oder ein Kreuz zu tragen - insbesondere ein eisernes Kreuz. Auch Gebete, das Singen von Kirchenliedern, Weihwasser, mit dem man sich besprüht oder bei sich trägt, Friedhofserde auf seinem Weg verstreuen sowie Brot und Salz waren wirksam, denn beide galten als heilige Symbole, das eine für das Leben, das andere für die Ewigkeit."

Auch in den schottischen Hochlandlegenden wird vor Feen gewarnt und rät die Menschen, nachts Wasser ins Haus zu bringen, damit die Feen ihren Durst nicht mit ihrem Blut stillen. Denn den alten Feen wird nachgesagt, dass sie, ähnlich wie Vampire, ohne frisches Blut runzlig werden und vertrocknen. So ist die wunderschöne schottische Fee namens »Baobhan Sith« eine blutrünstige Vampirin, die Hufe anstelle von Füßen hat und mit ihren männlichen Opfern tanzt, bis sie völlig erschöpft sind, um sie dann in Stücke zu zerreißen. Aber sie können wie die vielen anderen Feen auch mit Eisen getötet werden.

 

Aber warum haben wir die Angst vor Feen verloren und wieso wurden sie mit Kindergeschichten und Märchen verbunden? Als J.M. Barries Buch »Peter Pan« in den frühen 1900er-Jahren erschien, herrschte in der damaligen Gesellschaft noch der Glaube vor, dass Feen in einer schattenhaften Geisterwelt lebten. Fasziniert von Engeln, Geistern und Vampiren sahen die Viktorianer (und auch später die Edwardianer) die Feen zunehmend als die Seelen der Toten. Der Erste Weltkrieg und der Verlust vieler geliebter Menschen vertrieb die Feen nicht, sondern verstärkte den Glauben an Luftgeister und okkulte Methoden der Kommunikation mit ihnen. Doch aufgrund des großen Erfolges von Peter Pan und der darin als beschützenden und wohlwollenden dargestellten Fee Tinkerbell verloren diese Wesen schließlich ihre bösartigen Eigenschaften und fanden ihren Weg in die vielen Kinderbücher.

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Pixabay, CC0 Creative Commons


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