06.01.2022

Wo haben die Sagen um Drachen und Monster ihren Ursprung?

Der Drache, der einen Goldschatz bewacht oder der tapfere Ritter, der mit dem schuppigen Ungeheuer kämpft, um die Jungfrau zu retten, dies sind nur zwei der vielen Sagen, in denen Drachen unweigerlich mit dem europäischen Mittelalter in Verbindung gebracht werden. Doch aus der objektiven Rationalität heraus betrachtet, sind die mittelalterlichen Menschen während ihrem ganzen Leben tatsächlich keinem einzigen geflügelten, feuerspeienden Ungeheuer begegnet, woher haben diese Sagen also ihren Ursprung?

 

Geschichten von Drachen und anderer Ungeheuer oder dunkle Nächte mit finsteren Gestalten schüren seit Jahrhunderten die Ängste der Menschen. Und auch wenn diese Ängste in unserer heutigen Zeit nur noch zur eigenen Unterhaltung in Filmen oder Büchern hervorgerufen werden, dienten Monstergeschichten im europäischen Mittelalter als religiöse Lehrmittel, als Beispiele dafür, was man nicht tun sollte, als Ausdruck der Bedrohung durch das Übernatürliche und das Teuflische und als Metapher für das Böse, das Menschen einander antun.

Entsprechend erzählte man sich im Mittelalter Geschichten über alle möglichen Ungeheuer, Geister, Werwölfe oder Frauen, die sich samstags in Schlangen verwandelten. Doch wie Scott Bruce, Historiker an der Fordham University in New York, in seinem neu erschienenen Buch Penguin Book of Dragons erklärt, nehmen Drachen allerdings sowohl in der modernen als auch in der europäischen, mittelalterlichen Vorstellungswelt einen besonderen Platz ein. In der mittelalterlichen Denkweise waren Drachen die Feinde der Menschheit, an denen Helden ihre Tapferkeit messen konnten. Als solche fügten sie sich auch nahtlos in die christliche Tradition ein und wurden oft als Agenten des Teufels oder als verkleidete Dämonen dargestellt.

 

Sie wurden zwar hauptsächlich in Geschichten beschrieben, die von Kämpfen handelten, in denen mutige Männer sie besiegen mussten, aber sie tauchten auch in Erzählungen über das Leben von Heiligen und religiösen Figuren auf. So schrieb der französische Bischof und Dichter Venantius Fortunatus im sechsten Jahrhundert über einen Bischof von Paris namens Marcellus, der vor den versammelten Bürgern der Stadt einen Drachen vertrieb, der den Leichnam einer sündigen Adeligen verschlungen hatte. Der Bischof schlug dem Drachen dreimal auf den Kopf, führte ihn an einer Leine durch Paris und verbannte ihn anschließend zurück in den Wald, sodass er die Stadt nie wieder belästigt.

In ähnlicher Weise schrieb der byzantinische Historiker Michael Psellos im 11. Jahrhundert von einem Drachen, der die heilige Marina quälte. Als sie von einem römischen Beamten, der sie sexuell vergewaltigen wollte, ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurde, begegnete Marina einem Dämon in Form eines Drachens. Das Ungeheuer bedrohte sie, ignorierte ihre Gebete und verschlang sie. Unbeirrt, schreibt Bruce, machte Marina „das Zeichen des heiligen Christus, und als dieses Zeichen vor dem Rest von ihr unterging, zerrissen sie die Eingeweide des Drachens. ... [Er] wurde in Stücke gerissen und starb."

 

Die schuppigen und feuerspeienden Drachen konnten aber auch die besiegte Bedrohung durch das Heidentum verkörpern, wie es beim Heiligen Georg der Fall war. Georg war ein Militärheiliger aus dem östlichen Mittelmeerraum des dritten Jahrhunderts, der in der römischen Provinz Libyen in Nordafrika angeblich einen Drachen erschlug. Für die späteren Christen repräsentierte dieses Ungeheuer die Heiden jener Zeit, die die Tugend der christlichen Jungfrauen bedrohten, um dann von dem Ritter besiegt zu werden. Als der Drachentod im Hochmittelalter zum am häufigsten dargestellten Element seiner Geschichte wurde, wurde Georgs Kampf auch dazu benutzt, um über das zeitgenössische westliche Rittertum und Konflikte zwischen Christen und Muslimen zu sprechen. Als die lateinischen Christen beispielsweise 1099 Jerusalem einnahmen, beteten sie zum Heiligen, damit er sie im Kampf unterstützt.

Die Ungeheuer des Mittelalters sind also sowohl natürliche als auch übernatürliche Wesen und mehr als nur eine Metapher. So war der Drache des Venantius eine Kreatur des Waldes, während der Drache des Psellos ein Dämon war und der Drache des heiligen Georg verkörpert die sehr irdischen Feinde der Kirche. In allen diesen Fällen verkörpern die Drachen einen Teil der Gesellschaft und eine Gefahr, mit der man sich im Alltag auseinandersetzen oder zumindest darüber nachdenken muss. Und die Menschen des Mittelalters waren nicht abergläubischer oder leichtgläubiger als wir moderne Menschen, ihnen ging es bei ihren Monstergeschichten nicht nur darum, sich zu fürchten. Es waren vielmehr moralisierende Erzählungen, die Warnungen und Lektionen für Christen enthielten, die auf Erlösung hofften.

 

Und in dieser Hinsicht ist unsere heutige moderne Welt vielleicht gar nicht so anders, wir im 21. Jahrhundert haben andere Ängste, andere Grenzen um uns herum - aber wir haben ebenfalls Monster. Schauen wir uns doch nur einmal unsere eigenen Horrorgeschichten an: Freddy Krueger lauert im Traum, um unsere Kinder zu ermorden, Michael Myers und Jason Voorhees laufen in den Kult-Horrorreihen »Halloween« und »Freitag der 13.« durch unsere Nachbarschaft und richten Blutbäder an. Auch »Skynet« aus den Terminator-Filmen, ist nur eines von vielen Beispielen, wie unsere Angst vor der Übernahme der Macht durch intelligente Maschinen angeregt wird, und das Monster Demogorgon aus der Netflix-Serie »Stranger Things« lehrt uns zu fürchten, was geheime Regierungsexperimente hervorbringen könnten.

 

Aber gab oder gibt es Drachen und andere Monster nun wirklich? Nun, der Monstertheoretiker Prof. Jeffrey Jerome Cohen beantwortete diese Frage einmal sehr treffend: „Existieren Monster wirklich? Sicherlich müssen sie das, denn wenn sie es nicht täten, wie könnten wir dann eins sein?"

 

© Fernando Calvo* für Terra Mystica

Foto: Pixabay, CC0 Creative Commons


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